Graz University of Technology
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Otto Nußbaumer: Radio Days in Graz


Radio Days wird in den USA jene nostalgische Verklärung der "goldenen" Zwanziger Jahre genannt, als die Bürger des weiten Landes zur großen Radiofamilie zusammenrückten. "Radio Days" verweist damit auf die identitätsstiftende Neu-Entdeckung Amerikas als Land der unbegrenzten Kommunikation. Wie würden sich die Amerikaner wundern, wenn sie wüßten, daß die erstmalige drahtlose Übertragung von Musik und der menschlichen Stimme nicht in New York oder Chicago geschah, sondern am 15. Juni 1904 im Institut für Physik an der Technischen Hochschule in der Grazer Rechbauerstraße. Dort, im Gebäude der "alten Technik", erinnert noch heute eine Gedenktafel an diese Pioniertat. Und im Buch "Die Technik in Graz" kann man Bilder jener ersten, schier rustikal anmutende Sende- und Empfangsanlage bewundern, mit der quer durch das Gebäude Sprache und Musik gefunkt wurde.

Otto Nußbaumer, damals Konstrukteur am Institut für Physik, sang in diesem historischen Versuch unter anderem die Landeshymne der Steiermark, das Dachsteinlied. Die Anekdote überliefert, daß der Ordinarius des Institutes und Nußbaumers Mentor, Albert von Ettingshausen, als erste Reaktion auf das erfolgreich durchgeführte Experiment die Gesangskünste seines Mitarbeiters beanstandet hätte. Aber der am 31. 3. 1876 in Wilten bei Innsbruck geborene Otto Nußbaumer war auch nicht wegen seines Stimmvolumens an die Technische Hochschule geholt worden, sondern wegen seines Geschickes als Elektrotechniker. Nußbaumer war unter dem renommierten Hochschulgelehrten Ettingshausen von 1901 bis 1907 als Konstrukteur unter anderem für den Aufbau für die vielen und teils aufwendigen Versuche am Institut zuständig.

Im Dezember 1901 war es dem Funkpionier Gulielmo Marconi gelungen, erstmals einfache Signale von Europa aus über den Atlantik zu senden. 1902 begann Nußbaumer - Sohn eines Bahnhofsvorstandes und dadurch schon als Kind in der Telegraphie geschult -, sich intensiv mit der drahtlosen Telegraphie auseinanderzusetzen. Auch Forscher wie Adolf Slaby in Berlin-Charlottenburg oder Karl Ferdinand Braun in Tübingen beschäftigten sich mit der Problematik. Aber Otto Nußbaumer war es vorbehalten, die gewissermaßen in der Luft liegenden Ansätze so weiterzuentwickeln, daß er nicht nur einfache Signale, sondern nach zweijähriger Beschäftigung mit der Thematik richtiggehend Sprache und Musik übertragen konnte.

Möglich wurde die "Radiopremiere" in Graz, weil Nußbaumer nach einer Reihe von Versuchen einen funktionstüchtigen Kohärer entwickelte, einen Gleichrichter, der imstande war, die gesendeten Signale aufzunehmen und in Schallwellen umzuwandeln. Doch auch nach dem Erfolg des Experimentes schien weder für Nußbaumer noch für von Ettingshausen in vollem Ausmaß klar gewesen zu sein, welche technische Revolution da stattgefunden hatte. Trotz Interesses von Seiten etwa der deutschen Telefunken-Gesellschaft an Nußbaumers Erfindung, waren mit dem Experiment am 15. Juni 1904 die Radio Days von Graz für längere Zeit auch schon wieder passé. Dafür erhielten 1909 Marconi und Braun den Nobelpreis für Ihre Arbeiten zur drahtlosen Telegraphie.

Erst 1929 wurde Nußbaumers Pioniertat mit einer großen Zahl von Veranstaltungen und Ehrungen gewürdigt. Der 53jährige war damals bereits zehn Jahre lang als Vorstand der Abteilung für Maschinenbau und Elektrotechnik im Baudepartement der Salzburger Landesregierung tätig. Er hatte Graz 1907 verlassen, um nach Salzburg in den Landesdienst zu treten. In seinen Salzburger Jahren hatte er sich auch um das technische Schulwesen in der Mozartstadt große Verdienste erworben. Otto Nußbaumer starb am 5. Jänner 1930 an den Folgen einer Tuberkulose.

Quelle:
Klaus Höllbacher: Otto Nußbaumer. Konstrukteur und Rundfunkpionier.
Aus: TiG, S. 147 -156.